
Seit drei Jahren verbringen siebzehn Weiße Schwestern, Missionsschwestern Unserer lieben Frau von Afrika, ihren Lebensabend im Schöffenshof in Neunkirchen/Nahe. Sie blicken auf eine erfüllte Missionszeit zurück. An den Ruhestand denken die Schwestern dabei ganz und gar nicht.
zum Konzert mit dem Kreisseniorenchor St. Wendel am 24. Mai 2012 um 14.30 Uhr.

Es ist November.
Am Abend vom Allerheiligen schaue ich über den Friedhof. Die vielen Kerzen zeigen, wie wichtig es für uns ist, unserer Verstorbenen zu gedenken. Seit fast zwei Jahren bin ich hier im Haus am See tätig. Im Rahmen unseres Palliative-Care-Projektes bin ich unter anderem für die Begleitung von Menschen in ihren letzten Tagen sowie die Betreuung ihrer Familien und Angehörigen zuständig. In dieser Zeit sind viele Menschen von uns gegangen. Manche haben schon jahrelang im Haus gewohnt, manche kamen aus dem Krankenhaus zu uns, und starben innerhalb von wenigen Stunden. Was mich bei der Begleitung von sterbenden Menschen und deren Familien immer wieder berührt, ist zu sehen wie viel noch bleibt, nach dem so viel weggenommen wurde. Diese Menschen individuell zu begleiten ist nicht immer einfach gewesen. Das Sterben ist wie das Leben. Es hat viele Gesichter. Jeder stirbt für sich, so wie jeder letztendlich auch für sich lebt. Unsere Aufgabe ist es, dem Menschen, der mit seiner Sterblichkeit konfrontiert wird offen und ehrlich zu begegnen und mit ihm diesen letzten Weg zu gehen. Gemeinsam, als Lebensbegleiter, die das Sterben als integralen Bestandteil des Lebens akzeptieren.
Auf der Bundesgartenschau in Koblenz war die Ausstellung zum Thema ‚Friedhofsgarten‘ ein Publikumsmagnet. Nach der Seilbahnfahrt über den Rhein bis hoch auf das Festungsgelände befand ich mich in einer Welt voller Kitsch und Pathos, Tradition und Moderne. Für jeden Geschmack war etwas dabei. Plötzlich blieb ich vor einem einfachen Stein stehen, dessen Botschaft mich fesselte. Ja, dachte ich, so möchte ich meinem Ende entgegen sehen: ein versöhntes, vertrautes ‚nach Hause kommen‘.
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Je mehr Menschen ich in der Sterbephase begleite, umso klarer wird es mir, dass ich JETZT damit beginnen muss, den Weg der Versöhnung und der Vertrautheit aktiv zu suchen. In ihrer Rede zum Tode des Apple-Gründers Steve Jobs beschreibt seine Schwester Mona Simpson den Verstorbenen in drei Phasen seines Lebens: voll im Leben, gezeichnet durch Krankheit und sterbend. Sehr eindrucksvoll schildert sie einen Mann voller Leidenschaft und Kreativität, dessen Urteilsvermögen und Scharfsinn nie nachgelassen haben. Ein Mann, der Schönheit liebte und für den Liebe extrem wichtig war. Nach einer Lebertransplantation musste er wieder laufen lernen. Er kämpfte Tag für Tag. Er lief „an Beinen, die zu dünn schienen, um ihn tragen zu können“. Trotz Schmerzen und Schwäche. Getrieben durch seine unerschütterliche Liebe zu seiner Familie. Mit einem Stuhl als Gehhilfe bewegte er sich auf Station bis die fehlende Kraft ihm zum Sitzen zwang - dabei zählte er täglich seine Schritte, um am nächsten Tag mindestens einen Schritt mehr machen zu können. Jobs hat bewusst gelebt.
Er ist auch bewusst gestorben.
Seine letzte Reise begann mit der Bitte an seiner Schwester Mona, schnellstmöglich zu ihm und seiner Frau zu kommen. Sie beschreibt seine Stimme als liebevoll und warmherzig, „doch klang er wie jemand, dessen Gepäck schon auf dem Wagen festgezurrt wurde, der sich schon auf dem Anfang einer Reise befindet und dem es sehr leid tut, uns verlassen zu müssen“. Sehr oft erleben wir, dass Sterbende zu warten scheinen, bis bestimmte Personen bei ihnen sind. Deshalb versuchen wir zu ermöglichen, dass Familienmitglieder auch bei uns übernachten können, um bei ihren geliebten Angehörigen zu sein, wenn sie es möchten. Vor Kurzem ist eine Bewohnerin im Kreise ihrer Töchter, deren Ehemänner, sowie Enkelkindern und ihren Partner verstorben. Trotz der Gegenwart von fast 15 Personen konnte auch über Nacht eine ruhige, entspannte Atmosphäre geschaffen werden.
Steve Jobs hat die Ankunft seiner Schwester wahrgenommen. Er scherzte noch mit seiner Frau. Doch im Laufe des Tages machte er sich auf seinen letzten Weg. "Sein Atem wurde schwer, bewusst, bedeutsam. Ich spürte, dass er seine Schritte zählte und weiter ging als zuvor", so Simpson. Auch im Sterben arbeitete Jobs. Wie er war, so starb er auch. Seine Schwester beschreibt die veränderte Atmung als die Atmung eines Mannes, der sich auf einen schweren Weg befindet, mit steilem Aufstieg, hoch hinaus. "Ich verstand: Er arbeitete auch an dieser Sache. Der Tod ereilte Steve nicht, Steve hat ihn erlangt." Steve Jobs überlebte zwar die Nacht, dann hatte aber auch er sein Ziel erreicht. Zum Schluss möchte ich Ihnen als Inspiration die letzten Worte des sterbenden Jobs verraten. Er schaute seine Frau, seine Schwester und seine drei Kinder an und sagte voller Faszination und Bewunderung: „Oh wow, oh wow, oh wow“.
Zitate aus:
Die Trauerrede der Schwester - Steve Jobs' letzte Worte,
deutsche Übersetzung auf www.stern.de am 31. Oktober 2011, 13:35 Uhr
Foto:
Grabstein im Friedhofsgarten, Bundesgartenschau Koblenz 2011
Foto: © Stefan Hartmann